Persönliches

Meine Motivation für integrative medizin

Warum ich in der Medizin als Arzt Naturheilverfahren anwende und integrativmedizinisch mit meinen Patienten arbeite? Das werde ich oft gefragt. Vielleicht liegt es an meiner Familiengeschichte, die ich erst seit einigen Jahren in Sachen Medizin etwas besser kenne.

 

Durch meinen Vater und einen weit entfernten Verwandten, der aber ganz nah zu meiner Heimatstadt Reutlingen wohnt, erfuhr ich als Student, dass unser Familienname Spanowsky von Lissau lautete, bis durch die Gegenreformation zunächst der böhmische Adelstitel und in Deutschland der Name meines Vaters und Großvaters im Nationalsozialismus der Name Spanowsky zu „Spahn“ eingedeutscht wurde.

 

Ich erfuhr auch von einem Arzneibuch, in dem die heilkundlichen Rezepte einer Cäcilia Spanowsky gesammelt waren, die Ende des 16. Jahrhunderts in Böhmen lebte. Susanna von Tobar, die Mutter ihrer Schwiegertochter Anna hatte es verfasst.

 

2011 hielt ich mich nun im Zusammenhang mit einer onkologischen Konferenz erstmals in Stockholm auf und durfte in der schwedischen Nationalbibliothek das 1565 verfasste Manuskript der Susanna von Tobar einsehen. Susanna von Tobar hatte in ihrer Zeit als Hofdame am österreichischen Kaiserhof ein „Arzneybuch“ mit 108 Schriftseiten in einen Folianten mit 686 Seiten schreiben lassen. Auf Seite 663 fand ich das Impressum des auf altdeutsch abgefassten Arzneibuches oder auf böhmisch „Lekar knihi“. Genau 108 beschriebene Seiten umfasste das Manuskript, über 500 waren noch leer geblieben. Es widmete sich allen Krankheiten von Kopf bis Fuß, die Leiden der Frauen und Mütter waren aber in drei Kapiteln ausführlicher und gesondert abgefasst.“

 

Diese waren von meiner Vorfahrin Cäcilia Spanowsky beigetragen worden, andere Kapitel vielleicht von Susanna von Tobar selbst, oder der Gattin des Erzherzogs Ferdinand II. (1529-1595) Philipinne Welser (1527-1580), mir der sie befreundet war, oder auch von Anna von Sachsen (1532-1583), der Gattin Augusts, Kurfürst von Sachsen. Im Impressum auf Seite 663 des Manuskriptes ist nur Cäcilia Spanowsky genannt, die übrigen möglichen Autorinnen bleiben im Manuskript ungenannt.

 

Wie kamen nun die Rezepturen der Cäcilia Spanowsky in das „Arzneybuch“ von 1565?

Susannas  Schwiegersohn Jan Spanowsky war im Besitz der Rezepturen seiner Großmutter Cäcilia Spanowsky, geb. Innprucker, einer Frau aus Tirol. Cäcilia hatte 1499 Nikolaus Spanowsky geheiratet, er war Heerführer (1482-1525) unter Matthias Corvinus, König von Böhmen und Ungarn und später auch unter dem österreichischen Kaiser Maximilian I. Die genauen Lebensdaten von Cäcilia Spanowsky sind bisher unbekannt. 

 

Susanna ist es zu verdanken, dass die Rezepturen der Cäcilia Spanowsky nicht verloren gingen und einem vielleicht noch größeren Schutzengel im Winter des Jahres 1697 die Rettung ihres Manuskriptes, als die Burg der königlichen Familie in Stockholm fast vollständig abbrannte und damit auch 80 % der Bücher und Manuskripte: darunter auch die im 30jährigen Krieg aus Böhmen als Kriegsbeute mitgenommenen Bücher, was die schwedischen Soldaten auf Geheiß ihrer Königin Christine taten: sie waren im Jahre 1648 mit den böhmischen Büchern (u.a. auch dem „Arzneybuch“ der Susanna von Tobar) im Gewahrsam 1500 km durch unruhige Gebiete wieder nach Hause, nach Stockholm, gezogen. Darunter war auch das größte Manuskript der Menschheit, der Codex Gigas, die sogenannte „Teufelsbibel“, die heute ebenfalls noch in der schwedischen Nationalbibliothek zu sehen ist und die zur gleichen Zeit von den schwedischen Truppen aus einem böhmischen Benediktiner-Kloster mitgenommen wurde - und im Gegensatz zum böhmischen „Arzneybuch“ den Bibliotheksbrand von 1697 nicht ganz, aber weitgehend unversehrt überlebt hat.

 

Da lag also im Jahre 2011 das Manuskript von 1565 vor mir, welches einige Jahre (bis 1648) in Familienbesitz war, zuletzt seit 1609 in der böhmischen Bibliothek der Familie Ursini-Rosenberg (einem anderen Familienzweig der sogenannten böhmischen Rosengeschlechter, zu denen auch die Spanowskys gehörten) und nun dank den Bibliothekaren der schwedischen Nationalbibliothek sehr gut erhalten war.

 

Ich öffnete die erste Seite des Folianten, irgendwo in der Mitte des ledergebundenen Werkes aus dem Jahre 1565. Ich traute meinen Augen kaum, als ich las: „Für denn Krebs ann der Brust“. Das Weitere war zunächst nicht zu entziffern. Verwundert las ich bei vielen anderen Rezepturen von Zimt, Muskatnuss, Galgant und Ingwer – exotische Gewürze und Heilmittel dieser Zeit, die im 16. Jhdt. sehr kostspielig waren, kamen sie doch über Syrien und Ägypten nach Venedig und dann erst über die Alpen.

 

Fast 450 Jahre nach deren Niederschrift, wohl 500 Jahre nach der Sammlung der Rezepturen durch Cäcilia Spanowsky, erfuhr ich, dass meine Vorfahrin die Brustkrebserkrankung kannte und auch ein Heilmittel hierfür notiert hatte.

Ich hatte mich gerade auf dem Europäischen Kongress für Medizinische Onkologie (ESMO) in Stockholm mit den neuesten Erkenntnissen zu dieser Erkrankung aus dem Jahr 2011 vertraut gemacht. Nun war ich in der schwedischen Nationalbibliothek ein halbes Jahrtausend zurückgegangen – zu meiner Vorfahrin und las, was sie als medizinischer Laie in ihrer Zeit zu Brustkrebs schrieb. Es war ein sehr bewegender Moment für mich.

 

Am 28.3.2019 habe ich das Manuskript wieder in Stockholm in Händen halten dürfen, mit wochenlanger Vorfreude auf diesen Moment. Die altdeutschen Texte, die Rezepturen werden mich sicher – kritisch wie dankbar – in den nächsten Monaten und Jahren inspirieren.

 

Was mich an dieser Geschichte auch bewegt, ist die Tatsache, dass Frauen aus einem europäischen Netzwerk (mit Herkunft aus Böhmen/Tschechien, Tirol/Österreich, Sachsen/ Deutschland und Spanien) an der Entstehung dieses Buches im 16. Jahrhundert mitgewirkt haben. Und dass es im Jahre 2019 immer noch in Schweden aufbewahrt wird und auch ein deutscher Leser die Möglichkeit hat, es zu studieren. Ein Kulturschatz Europas, eine Geschichte von heilkundigen Frauen.