Dr. med. Günther Spahn Praxis für Integrative Medizin
  Dr. med. Günther SpahnPraxis für Integrative Medizin

Über mich und meine Familie

Woher kommen wir?  Wohin gehen wir?

 

Diese Fragen habe ich mir wie viele andere oft gestellt.  Zur Frage des „Woher…? gibt vielleicht die Familiengeschichte Antworten und in den letzten Jahren durfte ich erfahren, wie mich meine Familiengeschichte oft unbewusst geprägt hat. In der Wahl meines Berufes, in der Ausprägung meiner Talente, meinen Interessen.

Die Familie meines Vaters heißt Spanowsky, bis ins 17. Jahrhundert Spanowsky von Lissau, ein böhmisches Uradelsgeschlecht aus dem Kreis Pilsen, das 1243 mit dem Herkunftszusatz von Lissau und wohl bereits im 11. Jahrhundert mit einem Span als Namensbegründer der Ortschaft „Spanov“ bei Taus im Kreis Pilsen schriftliche Erwähnung findet. Damals war ein Span, Sohn des Quasina, als Adeliger im Herrenstand Klosterverwalter unter Herzog Bretislav I (1005-1055), in einer Zeit, als sich Prag als Bistum vom Mainzer Erzbischof löste. Mit den Witigonen, den fünf Rosengeschlechtern Böhmens, insbesondere den Linien Straz und Sezima v. Austj, waren die Spanowsky von Lisov (Lissau) verwandt und gelten dem Geschlecht der „schwarzen Rose“ (Wappen: eine schwarze Rose im goldenen Feld) zugehörig (vgl. auch Adalbert Stifters Roman: Witiko). Sie waren bis zum 30 jährigen Krieg (1618-48) im Ritter- oder Herrenstand in vielen Funktionen bei den Habsburgern tätig, unter anderem Michael Spanowsky als Oberstlandschreiber von Rudolf II. Beteiligt am Prager Fenstersturz und überwiegend dem reformatorischen Glauben zugehörig, mussten sie im Rahmen der Gegenreformation ihr Land verlassen, ihre Güter wurden konfisziert. Die Vorfahren meines Vaters ließen sich in Niederschlesien wieder, mein Vater Hans-Dieter Spanowsky wurde 1925 in Gumbinnen/Ostpreußen geboren. Bevor er volljährig war, wurde sein Name im „Deutschen Reich“ in „Spahn“ germanisiert.

Die Familie meiner Mutter heißt Weismann und war im 16. Jhdt aus Österreich nach Süddeutschland eingewandert. Ein Erich Weismann wurde 1711 der erste evangelische Abt des Klosters Maulbronn bei Pforzheim (vgl. Hermann Hesse: Unterm Rad) und war wie ich selbst eine Zeitlang „Stiftsschüler zu Tübingen“.  Meine Urgroßeltern Immanuel und Hanna Weismann wirkten viele Jahre an der Malabar-Küste (heute Kerala, Südindien) in der Basler Mission. Ein anderer Nachfahre des Theologen Erich Weismann war im 19. Jhdt August Weismann, Arzt und später Direktor des Zoologischen Instituts in Freiburg. Er wurde bekannt durch seine Beschreibung des „Keimplasma“ und der „Idanten“ (später Chromosomen) und gehört in seiner Zeit zu den wichtigen Wissenschaftlern eines neuen Wissenschaftszweiges der Biologie, nämlich der Genetik.

So wie mein Großvater Theodor Weismann die Krankheiten der Familie mit Homöopathika behandelte, so behandelte meine Mutter die Kinderkrankheiten von mir und meinen beiden Geschwistern immer mit natürlichen Mitteln. Hohes Fieber wurde nur mit Essigwickeln gesenkt, zeitweise wurde ein anthroposophischer Arzt hinzugezogen, für keine meiner vielen Mittelohrentzündungen wurde ein Antibiotikum eingesetzt. Meiner Mutter Elisabeth Sofie Weismann (1926-2015) habe ich die Liebe zu Küchen- und Heilkräutern zu verdanken – bis ins hohe Alter pflegte sie unseren Garten, erntete Salat und frisches Gemüse sowie Kräuter, Beeren, Nüsse und Obst und machte daraus die leckersten Gerichte und vor allem: die göttlichsten Kuchen!

Im September 2011 reiste ich zum aller ersten Mal nach Stockholm. Ich war Teilnehmer einer onkologischen Konferenz (ESMO), aber das tiefgreifendste Erlebnis hatte ich in der schwedischen Nationalbibliothek in Stockholm.

Dort begegnete ich fast 450 Jahre nach seiner Abfassung dem Manuskript der Susanna von Tovar (um 1510-1588), deren Tochter Anna Maria den Ritter Jan Spanowsky von Lissau im Jahr 1561 geheiratet hatte.

Auf dem ledernen Buchdeckel des „Arzneybuches“ der Susanna von Tovar war die Jahreszahl 1565 eingedruckt, auf Seite 663 fand ich das Impressum des auf altdeutsch abgefassten Arzneybuches oder auf böhmisch „Lekar knihi“. Genau 108 beschriebene Seiten umfasste das Manuskript, über 500 waren noch leer geblieben …  es widmete sich allen Krankheiten von Kopf bis Fuß, die Leiden der Frauen und Mütter waren aber in drei Kapiteln ausführlicher und gesondert abgefasst.

Die Verfasserin widmete das Buch „der Mutter des Herrn Spanowsky“, denn deren Rezepturen wurden hauptsächlich in ihrem Manuskript beschrieben.  Susannas  Schwiegersohn Jan Spanowsky war im Besitz der Rezepturen seiner Großmutter Cäcilia Spanowsky, geb. Innprucker, einer Frau aus Tirol (Cäcilia heiratete 1499 Nikolaus Spanowsky (1482-1525), Heerführer unter Matthias Corvinus, König von Böhmen und Ungarn und später auch unter dem österreichischen Kaiser Maximilian I. , die genauen Lebensdaten von Cäcilia sind bisher unbekannt).  

Susanna ist es zu verdanken, dass die Rezepturen der Cäcilia Spanowsky nicht verloren gingen und einem vielleicht noch größeren Schutzengel im Winter des Jahres 1697 die Rettung ihres Manuskriptes, als die Burg der königlichen Familie in Stockholm fast vollständig abbrannte und damit auch 80 % der Bücher und Manuskripte: darunter auch die im 30 jährigen Krieg aus Böhmen als Kriegsbeute mitgenommenen Bücher, was die schwedischen Soldaten auf Geheiß ihrer Königin Christine taten: sie waren im Jahre 1648 mit den böhmischen Büchern im Gewahrsam 1500 km durch unruhige Gebiete wieder nach Hause, nach Stockholm, gezogen. Darunter war auch das größte Manuskript der Menschheit, der Codex Gigas, die sogenannte „Teufelsbibel“, die heute ebenfalls noch in der schwedischen Nationalbibliothek zu sehen ist und die zur gleichen Zeit von den schwedischen Truppen aus einem böhmischen Benediktiner-Kloster mitgenommen wurde - und im Gegensatz zum böhmischen „Arzneybuch“ den Bibliotheksbrand von 1697 nicht ganz, aber weitgehend unversehrt überlebt hat.

 

Da lag also im Jahre 2011 das Manuskript von 1565 vor mir, welches einige Jahre (bis 1648) in Familienbesitz war und dank den Bibliothekaren der schwedischen Nationalbibliothek sehr gut erhalten war.

Ich öffnete die erste Seite, irgendwo in der Mitte. Ich traute meinen Augen kaum, als ich las: „Für denn Krebs ann der Brust“. Das Weitere war zunächst nicht zu entziffern. Verwundert las ich bei vielen anderen Rezepturen von Zimt, Muskatnuß, Galgant und Ingwer – exotische Gewürze und Heilmittel dieser Zeit, die im 16. Jhdt. sehr kostspielig waren, kamen sie doch über Syrien und Ägypten nach Venedig und dann erst über die Alpen.

Fast 450 Jahre nach deren Niederschrift, vielleicht 500 Jahre nach der Sammlung der Rezepturen durch Cäcilia Spanowsky, erfuhr ich, dass meine Vorfahrin die Brustkrebserkrankung kannte und auch ein Heilmittel hierfür notiert hatte.

Ich hatte mich gerade auf dem Europäischen Kongress für Medizinische Onkologie (ESMO) in Stockholm mit den neuesten Erkenntnissen zu dieser Erkrankung aus dem Jahr 2011 vertraut gemacht. Nun war ich in der schwedischen Nationalbibliothek ein halbes Jahrtausend zurückgegangen – zu meiner Vorfahrin und las, was sie als medizinischer Laie in ihrer Zeit zu Brustkrebs schrieb.  Es war ein sehr bewegender Moment für mich.

Am 28.3.2019 habe ich das Manuskript wieder in Stockholm in Händen halten dürfen, mit wochenlanger Vorfreude auf diesen Moment. Die altdeutschen Texte, die Rezepturen werden mich sicher – kritisch wie dankbar – in den nächsten Monaten und Jahren inspirieren.

Was mich an dieser Geschichte auch bewegt, ist die Tatsache, dass Frauen aus einem europäischen Netzwerk (mit Herkunft aus Böhmen/Tschechien, Tirol/Österreich, Deutschland und Spanien) an der Entstehung dieses Buches im 16. Jahrhundert mitgewirkt haben.  Und dass es im Jahre 2019 immer noch in Schweden aufbewahrt wird und auch ein deutscher Leser die Möglichkeit hat, es zu studieren. Ein Kulturschatz Europas, eine Geschichte von heilkundigen Frauen.

Wie war das mit meinen Kinderkrankheiten? Meine Mutter behandelte mich mit bewährten Hausmitteln, sie gab mir nie Antibiotika.

Wie war das mit meiner ersten Veröffentlichung zur Phytotherapie ?

Ja, es war zur Pharmakologie von Weihrauch und Myrrhe…

Manches scheint einem doch in die Wiege gelegt. 

Und erst sehr viel später erkennt man darin ähnliche Wege der Menschen, die vor einem gegangen sind.

 

 

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